León – (Nicaragua)

Wir dachten, dass wir in der Hauptstadt die beste Möglichkeit zur Weiterreise haben. Falsch, vom kleinen Ort Palmarcito kostet die Fahrt nach Nicaragua nur knapp die Hälfte. Xena, unsere nette Vermieterin, hat uns Tickets gebucht und wir nehmen morgens noch mal den öffentlichen Bus an die Küste. Natürlich müssen wir wieder Tickets für unsere Koffer kaufen. Klaus händigt dem Schaffner 6 US$ aus und hat damit für uns vier (wir + 2 Koffer) bezahlt. Das Gepäck ist schon im Bus, bevor wir einsteigen dürfen. Man muss dem Fahrer die Tickets zeigen und darf sich dann durch das Drehkreuz quetschen. Und jetzt gibt es Ärger. Wir haben zwei Tickets, müssten aber vier haben. Der Fahrer ist unnachgiebig, trotz der Vermittlung eines englisch sprechenden Landsmannes, besteht er auf weiteren 3 US$. Klaus zahlt zähneknirschend. Die anderen Fahrgäste verfolgen das Ganze interessiert, aber die draußen Wartenden werden kein bisschen ungeduldig.

Als der Bus gerade anfährt, kommt der Schaffner zu uns, drückt uns drei Dollar-Münzen in die Hand und entschuldigt sich wortreich. Ein Aufseufzen geht durch den Bus. Man kann den Ausländern also doch trauen, sie wollten wirklich nicht betrügen.

Wieder sind wir in Palmarcito und gehen noch mal ins Strandrestaurant, um Ceviche (ein herrlich frisches Gericht aus Meeresfrüchten oder Fisch) zu essen. Währenddessen wird das Lokal mit Getränken beliefert. Vier Männer laden den ganzen LKW aus und schleppen tatsächlich jeder vier volle Bierkästen auf der Schulter und dabei können sie uns noch freundlich zuwinken.

Der Shuttlebus kommt eine halbe Stunde zu früh. Jetzt haben wir freie Platzwahl, denn die Mitfahrerinnen sind noch nicht vom Essen zurück. Den Bus kennen wir doch, das Spinnwebmuster auf der Windschutzscheibe ist unverwechselbar. Tatsächlich sind wir mit Bus und Fahrer bereits aus Antigua gekommen. Gesprungene Scheiben sind hier überhaupt kein Grund, gleich zur Werkstatt zu fahren, Hauptsache sie sind noch dicht. Löcher kann man auch einfach mit einer Glasscheibe überkleben.

Die restlichen Passagiere werden noch in El Zonte eingesammelt und dann beginnt die lange Fahrt. Auf guter Straße geht es durch das schöne Land. Kurz vor Sonnenuntergang halten wir noch an einer Tankstelle mit Supermarkt, wo wir etwas einkaufen oder am Geldautomaten die nötigen Dollar für die zwei Grenzübertritte ziehen können. Ein paar Kilometer weiter sind wir an der Grenze zu Honduras. Aus- und Einreise gehen zügig vonstatten. Und auf einer sehr gut markierten und teilweise beleuchteten Straße fahren wir durch Honduras. Zu sehen ist in der Dunkelheit leider kaum etwas, aber so eine gute Straße haben wir nicht erwartet.

Die Ausreise aus Honduras verläuft recht geordnet, nach Nicaragua kommen wir jedoch nicht so schnell hinein. Wir müssen unsere Pässe abgeben, das Geld hat der Fahrer schon vorher eingesammelt, und dann dauert es über eine Stunde, bis wir neun Personen einreisen dürfen, obwohl vor uns keine anderen Reisenden warten.

Aber auch diese Prozedur geht vorbei und wir können irgendwann weiterfahren. In der Dunkelheit tauchen am Straßenrand ab und zu Kühe oder Pferde auf. Plötzlich macht der Fahrer eine Vollbremsung, seelenruhig geht um Mitternacht ein Schwein auf der Straße spazieren. Jetzt sind alle wieder munter. Und eine knappe Stunde später erreichen wir auch unser Ziel Leon. Selbst um diese Zeit ist noch Betrieb in der Stadt. In einer Straße stehen Imbisswagen, deren Feuerstellen noch glühen, laute Musik ist zu hören. Nach und nach steigen die Mitreisenden vor ihren Hostels aus, der Fahrer drückt kurz auf die Hupe, die vergitterten Türen werden geöffnet und die späten Gäste willkommen geheißen. Und dann sind auch wir angekommen, hundemüde aber noch zu aufgekratzt zum schlafen. Wir trinken jeder ein Bier, das hilft.

Zum Frühstück gibt es im Hostel leckere Pfannkuchen mit Bananen und Kaffee, soviel man mag. Danach suchen wir den nächsten Geldautomaten und verheddern uns erstmal mit den Nullen. Die 1.500 Cordobas, die wir aus dem Automaten ziehen, sind gerade mal 41 €.

Auf dem Weg zur Kathedrale kommen wir an der Iglesia San Francisco vorbei. Hier herrscht ein Riesengedränge, rundherum Buden mit Waren aller Art, natürlich auch jede Menge essbares. In der proppenvollen Kirche findet gerade eine Messe statt. Fröhliche und mitreißende Kirchenlieder schallen bis auf die Straße. Wir geraten mit der sich vorwärts schiebenden Menschenmasse in die Kirche. Gleich rechts hinter dem Haupteingang ist ein Verkaufsstand aufgebaut. Schmuck, Kinderspielzeug und jede Menge Tinnef wird hier angeboten.

Irgendwie können wir uns herauswinden und kehren zurück auf die Straße. Die ist bis zur Kathedrale für den Verkehr gesperrt. Hier herrscht eine Stimmung wie auf dem Rummelplatz.

Dann stehen wir vor der 1860 eingeweihten Kathedrale „Real ey Insigne Basilica Catedral de la Asunción de la Bienaventurada Virgen Maria“ (echte und berühmte Basilika der Himmelfahrt der Jungfrau Maria). Der lange Name hat seine Berechtigung, es handelt es sich immerhin um die größte Kathedrale in Mittelamerika.

Auf dem Platz davor entstehen auf großen Plastikfolien gerade Teppiche aus Sägemehl. Das Naturmaterial wird direkt daneben mit Wasser und Farbe gemischt und feucht verarbeitet. Während in Antigua mit Schablonen gearbeitet wird, sind hier echte Handwerker zu bewundern. Unter ihren geschickten Fingern entstehen sogar dreidimensionale Bilder.

P1030088Die Kirche – von grimmigen Löwenstandbildern bewacht – ist jetzt allerdings geschlossen, erst am späten Nachmittag wird wieder geöffnet.

Wunderbar goldenes Licht durchflutet die riesige, fünfschiffige Kirche. Für dieses unvergleichliche natürliche Licht ist sie berühmt. Gerade übt eine Musikkapelle für die Osterprozession. Der Schall vervielfacht sich und die Musik scheint aus allen Richtungen zu kommen. Wie muss sich hier erst ein Orgelkonzert anhören.

Erschien uns die Stadt heute Morgen wegen der vergitterten Fenster und Türen an den Häusern noch ziemlich abweisend, hat sie jetzt am späten Nachmittag eine ganz andere Wirkung. Fast alle Türen sind geöffnet und man kann durch die Gitter bis in die herrlichen Innenhöfe schauen. In den zur Straße gelegenen Zimmern sieht man Kinder spielen, Erwachsene fernsehen, und ältere Menschen in Schaukelstühlen hin und her wippen. Als wir spät abends zurück zu unserem Hostel laufen, müssen wir manches Mal auf die Straße ausweichen, denn inzwischen stehen nicht wenige Schaukelstühle auf dem Bürgersteig. Nach Tagestemperaturen von über 30 Grad genießen die Menschen ihr Schwätzchen mit den Nachbarn in der lauen Abendluft.

Wir haben erwartet, dass die Alfombras vor der Kirche heute alle fertig sind, aber da sind keine mehr. Gestern muss am Abend eine Prozession stattgefunden haben und von den herrlichen Teppichen ist nicht ein Krümelchen Sägemehl übrig. Wir suchen uns einen Schattenplatz im Parque Central, dessen Mittelpunkt der trockene Löwenbrunnen bildet. Sobald das runde Becken mit Wasser gefüllt ist, funktionieren die Kinder es zum Planschbecken um. Das ist den Stadtvätern wohl ein Dorn im Auge. Bei all den Verkaufsständen und Minikarussells würde das der Würde des Parks nun wirklich nicht schaden. An einer Holzbude wird die Fun-Sportart „Vulcano-Boarding“ angeboten.

Dabei hüllen sich die sportlichen Teilnehmer in einen Overall und klettern morgens – ein dickes Holzbrett unter dem Arm – den Cerro Negro hoch bis auf über 700 Meter. Dann heißt es: Schutzbrille auf, auf das Brett setzen und den steilen Abhang auf scharfkantigem Vulkanschotter herunter sausen. Dabei erreicht man bei 45 % Gefälle eine Geschwindigkeit von gut 60 Stundenkilometern. WICHTIG: Den Mund geschlossen halten und nicht umkippen.

Gegen Abend nehmen wir an einer „Free-Walking-Tour“ teil. Außer uns ist zu dieser Zeit niemand interessiert und Noell unser Guide kann sich ganz auf uns konzentrieren und uns viel über seine Stadt und die jüngere Geschichte des Landes, das dreimal so groß wie die Schweiz ist und gut 6 Millionen Einwohner hat, erzählen. Natürlich spricht er auch über die Demonstrationen, die im April vor einem Jahr begannen und über 200 Todesopfer forderten. Ich frage ihn, ob er die Stadt Diriamba kennt und erzähle von der früheren Verschwisterung mit unserer Heimatstadt. Das begeistert ihn, er hat nämlich Verwandte dort.

P1030124Vor einer Brandruine erzählt uns Noell, wie gefährlich Fußball sein kann. Im vergangenen Jahr fand ein wichtiges Spiel zwischen FC Barcelona und Real Madrid statt. Die Fans beider Vereine hatten sich in zwei gegenüber liegenden Lokalen vor den Fernsehern eingefunden. Während die einen den Sieg Barcelonas bejubelten, wuchs der Groll bei den Anhängern der Madrilenen. Die Schmach musste getilgt werden, sofort und hier. Auf der Straße gab es eine Massenschlägerei. Auch das Küchenpersonal beteiligte sich. Währenddessen fing eine auf dem Herd vergessene Pfanne Feuer und bis die Hitzköpfe den Brand bemerkten, stand das Lokal in hellen Flammen. Sieg für Barcelona auf ganzer Linie.

Kaum sind wir am Park angekommen, sehen wir schon wieder eine Prozession. Heute fehlen allerdings die kunstvollen Alfombras.

Der Shuttlebus nach Granada kommt um 7.30. Wir haben noch ein wenig Zeit für ein Gespräch mit dem netten Besitzer des Hostels. Durch den Aufstand im vergangenen Jahr war er gezwungen, das Hostel für mehrere Monate zu schließen und sein Personal zu entlassen. Langsam läuft es wieder an, aber jetzt hat er mit neuen Problemen zu kämpfen: Einige unverschämte Backpacker, die dreist auftreten und versuchen durch Erpressung die wirklich angemessenen Preise zu drücken. Motto: Wenn Du mir das Zimmer nicht für XXX Cordobas gibst, schreibe ich eine schlechte Bewertung in Booking.com oder Hostelworld. Sie wollen die Welt bereisen, aber wenn das Geld nicht reicht sollen andere gefälligst dafür sorgen, dass es ihnen an nichts fehlt. Auf die Idee auf irgendeine Fun-Sportart zu verzichten, oder ihre Arbeitskraft anzubieten, kommen sie nicht.  Oder: Das im Übernachtungspreis enthaltene Frühstück wird bemäkelt, z.B.  nicht vegan (dabei steht Gallo pinto – das landestypische Frühstück aus Reis und Bohnen – auf der Karte). Die Herrschaften wünschen Müsli mit Obst und Sojamilch und bloß keine Bananen oder Wassermelonen, am liebsten Import-Äpfel. Die einheimischen Angestellten , denen sie ihr Leid wegen des schmalen Budgets klagen, verstehen das natürlich überhaupt nicht, denn keiner von denen hat schon jemals eine Urlaubsreise gemacht. Die sind schon froh, wenn sie ihren Arbeitsplatz behalten können und das geht wiederum nur, wenn die Übernachtungsgäste auch die kalkulierten Preise zahlen.


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