Kommen, sehen, staunen – Hanoi (Vietnam)

Nachmittags verabschieden wir uns ein bisschen wehmütig von Luang Prabang und lassen uns zum nur wenige Kilometer entfernten Flughafen bringen.

 

Mit einer zweimotorigen Turboprop fliegen wir über die undurchdringlich erscheinende Berglandschaft, in der keine Ansiedlungen zu erkennen sind. Nach und nach decken Wolken die Landschaft zu. Nur ab und zu schauen ein paar Berggipfel aus der flachen Schicht heraus, wie „schwimmende Inseln“ in Vanillesoße. Als wir Hanoi erreichen, regnet es. Und nun beginnt die Prozedur der Einreise. Die Formulare hatten wir uns schon im Internet herunter geladen und ausgefüllt, trotzdem dauert es eineinhalb Stunden, bis wir unsere Visa haben. Aus unserem Flieger sind wir bei den Letzten, die ihre Gepäckstücke holen. In der Ankunftshalle wartet ein verzweifelter Fahrer, der ein Schild mit meinem Namen hochhält. Zwar hatten wir versucht, das Hotel per Handy zu kontaktieren, aber im Flughafengebäude gab es keine Verbindung. Nun sind wir alle drei erleichtert, dass wir uns gefunden haben.

Inzwischen ist es dunkel, und wir können draußen nicht allzuviel erkennen. Spürbar ist jedoch, dass wir über eine sehr gute Straße fahren. Nach einer dreiviertel Stunde sind wir an unserem Hotel, wo uns der Rezeptionschef Kevin (seinen richtigen Namen könne sich sowie so keiner merken) herzlich empfängt. Unser Zimmer im 5. Stock hat eigentlich jeden Komfort, bis auf eine Heizung. Wenigstens heiß duschen können wir.

Wir lassen uns ein Restaurant in der Nähe empfehlen und machen uns ausgestattet mit Stadtplan und jeder Menge Geld (2 Millionen Dong sind 74 €) auf den Weg in die Altstadt. In der 7 Millionen-Einwohner zählenden Stadt ist alles noch verstärkt. Mehr Garküchen, mehr Motorroller, mehr Menschen. Wir schlängeln uns durch die zugestellten Wege und sitzen dann einigermaßen ruhig in unserem Restaurant. Die bestellten frischen Frühlingsrollen sind schmecken richtig gut, aber die Speisekarte unterscheidet sich hier jetzt nicht sehr von denen in Myanmar, Thailand und Laos. Gebratener Reis, gebratene Nudeln, Huhn, Schwein, Rind oder Meeresfrüchte mit Nüssen, ohne Nüsse, mit Gemüse, ohne Gemüse, oder Suppen mit obigen Zutaten. Obwohl wir in Deutschland gerne asiatisch essen, wird es für uns hier etwas eintönig. Wir haben Reisende getroffen, die uns freimütig erzählten, dass sie es nicht länger als drei Wochen in diesen Ländern aushalten, dann brauchen sie vertrautes Essen. Wir sind immerhin schon 3,5 Monate unterwegs, bis wir einen solchen Gedanken überhaupt haben.

Jedenfalls schlafen wir in dieser und den nächsten Nächten wie auf Wolken, die Hotelbetten sind mit Viskoseschaummatratzen ausgestattet, die sich dem Körper genau anpassen.

Der zimmerbreite Frühstücksraum liegt im 9. Stock und hat etwas von einem Aquarium, Fenster nach allen Seiten. Hanoi liegt weiter unter einer dichten Wolkendecke, es ist kühl und ab und zu regnet es. Hilft ja nichts, wir wollen was von der Stadt sehen und ziehen uns entsprechend an. Die nahe gelegene Altstadt ist für heute unser Ziel. Als wir an die Rezeption kommen, müssen wir ein Grinsen unterdrücken. Kevin der Korrekte, sitzt da in seinem seriösen dunkelgrauen Anzug mit weißem Hemd und trägt ein rotes Rentiergeweih.

 

Obwohl über 80 % der Vietnamesen Atheisten sind, lieben sie Weihnachten, erklärt er uns. Sie dekorieren Haus oder Wohnung ganz nach westlichem Vorbild und dann wird eine große Feier mit gutem Essen und alkoholischen Getränken veranstaltet. Geschenke gibt es allerdings nicht.

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In der Altstadt herrscht geschäftiges Treiben und ein Wahnsinnsverkehr. Gegen die Fahrweise in Hanoi war alles, was wir vorher bestaunt haben Kindergarten. Wer sich auf die Straße begibt, setzt hier jeden Tag, jede Stunde, jede Minute sein Leben aufs Spiel. Gewimmel kennen wir schon, vordrängeln, rechts überholen, auf einer dreispurigen Einbahnstraße gegen den Verkehr fahren, alles schon gesehen. Aber hier werden Ampeln offenbar als nette Lightshow betrachtet. Wer als Fußgänger bei Grün auf die Straße tritt, wird angehupt, Autos und Mopeds fahren einem fast über die Füße oder schrammen an der Kehrseite vorbei. Bremsen abrupt vor einem, und die Fahrer verstehen überhaupt nicht, was man von ihnen will, wenn man auf das grüne Licht deutet. Am Nachmittag des zweiten Tages bin ich so genervt, dass ich nur noch zurück ins Hotel will.

Bürgersteige sind – wer hätte das gedacht – für alles andere da, nur nicht für Fußgänger.

 

Die Anzahl der Suppenküchen ist unüberschaubar, hier wird vorbereitet, gekocht, serviert und gespült. Mittags sitzen elegant gekleidete Menschen neben ärmlich aussehenden auf kleinen Plastikhockern und verzehren Suppe, Gegrilltes oder was sonst so angeboten wird. Danach ziehen sie ihre Atemschutzmaske – gerne modisch auf die Kleidung abgestimmt – wieder an und laufen durch Lärm und Abgasgestank zurück zu ihrem Arbeitsplatz.

Wo keine Tischchen und Hocker stehen, wird der Platz als Parkplatz für die Mopeds gebraucht. Wer auf seinen zwei Beinen unterwegs ist, läuft Slalom. Zwischen allem durch, was auf dem Weg aufgebaut ist, und wenn man dort nicht weiterkommt und auf die Straße ausweicht wird man – siehe oben angehupt. Mopeds sind erschwingliche Fortbewegungsmittel für einen Großteil der Bevölkerung und transportieren nicht nur Menschen, sondern unglaubliche Mengen von Waren.

 

Wie die Fahrer es schaffen, sich vollbepackt durch den Verkehr zu schlängeln, ohne irgendwo hängen zu bleiben, grenzt an ein Wunder. Die vielen kleinen Läden in der Altstadt können wahrscheinlich nur so zu jeder Zeit beliefert werden. Autos kämen überhaupt nicht durch.

Auch in Hanoi treten die Geschäfte gruppenweise auf.

 

Erst die Schuhgeschäfte, dann die Jeansläden, dann Lichterketten und Lampen, danach Grabplatten, Obst, Blumen, Taschen, Papierwaren usw. Und als ob das noch nicht reichen würde, werden voll bepackte Fahrräder mit Ess- oder anderen Waren durch das Gewimmel geschoben, und wer keins hat kann immer noch zwei Körbe an einen Bambusstab binden und sein Kleinstunternehmen durch die Gegend tragen.

DSC01619Dass noch heute eine unbeschrankte Bahnstrecke mitten durch die Stadt führt, erstaunt nur die Touristen. Die Einheimischen nutzen die meist freie Fläche auf ihre Art. Man kann hier Wäsche trocknen, einen Verkaufsstand haben, sein Moped parken, Hauptsache man hat den Fahrplan im Kopf.

Vormittags sind wir an einem koreanischen Restaurant vorbei gekommen, das BBQ anbietet. Da wollen wir abends essen. In die Vertiefung im Tisch wird ein Eimerchen mit glühenden Kohlen gestellt. Rundum ist eine Absaugvorrichtung, damit die Gäste beim Essen nicht kollabieren. Darüber wird ein runder Rost gelegt, und dann geht es los. Auf den Tisch kommen kleine Schalen mit Salaten und Soßen, und auf den Rost werden verschiedene marinierte Fleisch und/oder Fischstücke gelegt.

DSC01651Der Gast muss nur zuschauen, wie geschickt das Grillgut hier gewendet und zum perfektem Garpunkt mit einer großen Schere zerteilt und wird. Anschließend kann er Fleisch und Gemüse in ein Salatblatt rollen, in eine der Soßen stippen und genießen. Es ist wirklich sehr sehr lecker. Am Nachbartisch wird ein Geburtstag gefeiert. Der Alkohol fließt reichlich, Schnaps, Bier und Wein, alles wird hoch geschätzt und eifrig konsumiert, die Gäste werden immer fröhlicher und lauter. Das überträgt sich auch auf die vier Kinder, die dabei sind und begeistert um den aufgestellten Tannenbaum toben. Irgendwann kommt ein zehnjähriges Mädchen an unseren Tisch und fragt uns nach Namen und Herkunft. Wir wiederum erfahren, dass sie schon seit der Vorschule regelmäßig Englischunterricht hat. Wir müssen uns schreiend verständigen, um die feiernden Erwachsenen zu übertönen.

Wir wollen ins französische Viertel.

 

Der Weg führt vorbei an einem Weihnachtsmarkt. Schon am Vorabend hatten wir Blasmusik gehört, nun wissen wir, was der Grund war. Im Eingangsbereich steht ein animierter lebensgroßer Weihnachtsmann mit Saxophon. Eine weitere Attraktion ist eine aufgebaute Weihnachtsstube mit Tannenbaum und Geschenken. Künstlicher Schnee aus Seifenschaum entzückt die Besucher, die hier eifrig fotografieren. Im französische Viertel gruppieren sich die vielen Botschaftsgebäude und hier sind die Bürgersteige wirklich zu benutzen.

 

Schöne alte Villen, ein Kaufhaus im Art Deko Stil, eine Kirche, wie sie französischer nicht sein kann, schicke Geschäfte und renommierte Cafés prägen das Bild dieses Stadtteils. Ein Café sieht so verlockend aus, dass wir hier eine Pause einlegen. Der Geschäftsführer lässt es sich nicht nehmen, uns zu zeigen wo die Kreationen hergestellt werden. Stolz erzählt er uns, dass das Hauptgeschäft in Ho-Chi-Minh-Stadt mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet wurde. Der Kaffee schmeckt im Land des zweitgrößten Produzenten übrigens sehr gut. Für uns der beste, den wir während unserer Reise getrunken haben, leicht schokoladig mit geringer Säure.

Am Abend – es ist Freitag – laufen wir zum Hoan-Kiem-See, der zwischen Altstadt und französischem Viertel liegt. Am Wochenende sind die Straßen rundherum für Auto- und Mopedverkehr gesperrt. Welche Wohltat, auch die einheimischen Fußgänger sind offensichtlich glücklich und laufen kreuz und quer über die Straßen.

 

Sänger und solche, die sich dafür halten, präsentieren sich hier und werden mit wohlwollendem Beifall bedacht. Nicht alle Stilrichtungen empfinden unsere Ohren als wohlklingend.

DSC01676Der im See liegende Schildkrötenturm leuchtet geheimnisvoll. Nach einer Legende hat die im See lebende Schildkröte im 15. Jahrhundert einem Fischer ein magisches Schwert gebracht, der damit die chinesische Besatzung beenden konnte. Daraufhin wurde er zum König ernannt. Die Schildkröte bekam das Schwert zurück. Aus Dankbarkeit ließ der König den dreistöckigen Turm bauen. 1968 fand man im See eine über 2 m lange und 250 kg schwere Schildkröte, die 400 Jahre alt gewesen sein soll. Sie wurde präpariert und wird auf der Insel im See in einem Glaskasten präsentiert.

Hanoi ist keine Stadt, in die man auf den ersten Blick verguckt, aber uns hat es insgesamt gefallen und wir würden nochmal hinfahren.

 


10 Gedanken zu “Kommen, sehen, staunen – Hanoi (Vietnam)

  1. Frohe Weihnachten und ein glückliches, gesundes und erlebnisreiches Neues Jahr. Euer Blog macht mir viel Spaß. Mir Vorfreude und Fernweh erwarte ich die neuen Beiträge und Fotos. Das mit dem Essen kann ich nachvollziehen.
    Weiterhin viel Spaß auf Eurer Reise!

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  2. Auch von mir Frohe Weihnachten und ein glückliches Neues Jahr mit vielen wunderschönen Eindrücken auf eurer Reise.
    Bleibt schön gesund, sodass wir noch viele interessante Berichte von euch lesen können.
    Liebe Grüße aus Mittelbuchen von
    Petra

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  3. Auch die Elke aus Langenselbold wünscht Euch Beiden fröhliche und weiter so erlebnissreiche Reisewochen !
    Ich schließe mich meinem Vorschreiber Thomas an und freue mich an Eurem Blog und erwarte immer voller
    Vorfreude Eure Berichte, die von so weit her ein Kennenlernen der Asiatischen Welt ermöglichen. Ein gutes erlebnisreiches Neue Jahr- hoffentlich firedvoll- wünsche ich Euch !

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  4. Liebe Linde, lieber Klaus,

    euer Blog ist so wunderbar und für mich wie eine kleine Zeitreise. Das Ziegenbild war herrlich 😉 ich wünsche euch einen schönen tropischen Weihnachtsabend mit netten Menschen und freue mich schon auf den nächsten Abschnitt eurer Reise.

    Ganz herzliche Grüße aus Wasserburg am Inn
    Elke

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  5. Liebe Linde, lieber Klaus,

    mit Spannung lesen wir Eure Reiseberichte und freuen uns schon jetzt auf die die noch folgen.
    Wir wünschen Euch ein schönes Weihnachtsfest und ein gutes Neues Jahr. Möge es so spannend sein wie 2017.

    Liebe Grüße aus Ortenberg von Volker und Corinna

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    1. Liebe Corinna, lieber Volker,
      wir haben uns sehr über die Eure Grüße gefreut und wünschen Euch noch einen schönen zweiten Weihnachtstag und für das Neue Jahr alles erdenklich Gute.
      Liebe Grüße aus Hue
      Linde und Klaus

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